Der letzte Gast

Von Fabienne Suter


Das Metronom schlug den Takt und Haller begann zu spielen. Nach all den Jahren konnte er die Lieder noch immer auswendig. Angst hatte er keine, er war noch nicht einmal nervös. Der Ausflug hierher war eine spontane Idee gewesen. Einfach davongelaufen war er. Keiner hatte sich für ihn zuständig gefühlt; man hatte ihn in geradezu eingeladen wegzulaufen. Es war niemand auf dem Gang gewesen, alle Türen unverschlossen. Das Personal hatte einen Notfall gehabt. Und Haller war schon lange nicht mehr wirklich draussen gewesen. Wenn seine Tochter ihn jeweils besuchte, gingen sie nur im Park spazieren. Dann Kaffee und Kuchen in der Cafeteria. Er hatte wieder einmal die richtige Welt sehen wollen, etwas Abwechslung in seinen immergleichen Alltag bringen. Deshalb hatte er dem Schnee und der Kälte getrotzt und war hierher zurückgekehrt, in den grossen Festsaal, wo er so viele glückliche Stunden verbracht hatte. Ohne dass er es gewollt hätte, hatten seine Füsse ihn hergetragen.
Das Stück war zu Ende, und Haller begann ein neues. Eines seiner Lieblingsstücke. Im Saal war es warm und er genoss es, einfach nur zu spielen, wie er es früher stundenlang getan hatte. Im Pflegeheim stand zwar auch ein Klavier, doch in der sterilen Atmosphäre mochte Haller nicht spielen, nicht ein einziges Mal hatte er sich hingesetzt. Hier hingegen lebte seine Erinnerung an die damalige Zeit wieder auf. Er spürte bei jedem Ton, wie sie zurückkam, lebendiger und kräftiger wurde. Wie von allein flogen die Finger über die Tasten, und die Melodie trug ihn durch die Zeit. Sein Blick schweifte umher, während die Hände scheinbar unermüdlich weiterspielten.
Draussen war die Sonne längst untergegangen. Der Saal war hell erleuchtet, die prunkvolle Einrichtung spiegelte sich in den raumhohen Fenstern. Lichtpunkte waren auf den Scheiben zu sehen, Hunderte, und Haller schien es, als bewegten sie sich. Als er genauer hinschaute, glaubte er, Bilder zu erkennen, Gesichter, Gestalten. Ihre Konturen wurden immer deutlicher. Haller erkannte Menschen an langen Tischen, sie unterhielten sich angeregt, erwartungsvoll. Haller hatte sie alle schon einmal gesehen. Und jetzt sass er mittendrin, am Klavier. Während der ersten Takte des Hochzeitsmarsches öffnete sich die Flügeltür, das Brautpaar schritt in den Saal, dahinter die Verwandten und weitere geladene Gäste, einer nach dem anderen. Sie setzten sich an die gedeckten Tische, und die Kellner servierten die Gerichte. Haller spielte, unterhielt die Hochzeitsgesellschaft, als habe er nie etwas anderes getan. Ein Ober bot ihm ein Glas Wein an. Haller schüttelte den Kopf, ohne mit dem Spiel aufzuhören. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nichts zu trinken während der Arbeit. Und Haller nahm seine Arbeit ernst. Seit dem Tod seiner Frau gab es nichts Wichtigeres. Einzig während dieser wenigen kostbaren Arbeitsstunden fühlte er sich wirklich glücklich.
Lauter Applaus im Saal. Haller zuckte zusammen. Jemand hatte tatsächlich applaudiert. Mit einer heftigen Bewegung drehte sich Haller um. Der Mann stand ganz hinten im Saal, klatschte noch immer Beifall, wenn auch nicht mehr so laut. Was für ein Idiot, dachte Haller. Wie konnte er es wagen, ihn mitten im Stück zu unterbrechen! Bevor er allerdings hätte protestieren können, sagte der Fremde:
«Ein wunderschönes Stück. Ausgezeichnet interpretiert.»
«Was erlauben Sie sich, mich zu unterbrechen?»
«Es tut mir leid.»
«Es tut Ihnen leid? Das macht es auch nicht besser! Jetzt muss ich wieder von vorne anfangen. Was haben Sie sich dabei gedacht?»
«Entschuldigen Sie», meinte er, «aber wir müssen jetzt wirklich los.»
Haller glaubte nicht richtig gehört zu haben. Erst jetzt sah er den Mann richtig an. Er trug einen langen schwarzen Mantel und Handschuhe. Auf seinen Schultern glitzerten geschmolzene Schneeflocken. Je genauer Haller ihn anschaute, desto unheimlicher fand er ihn. In seinen Augen blitzte etwas Überhebliches, ganz aufrecht stand er da. Zu aufrecht, schien es Haller. Der Mann kam in kleinen Schritten näher, er strahlte eine Autorität aus, die Paul nervös machte. Einer, der es gewohnt war, dass die anderen gehorchten.
«Herr Haller, Sie kennen mich doch. Bestimmt haben Sie mich erwartet.»
«Nein, Sie kenne ich nicht. Ganz bestimmt nicht. Mit solchen Leuten habe ich nichts zu tun. Und erwartet habe ich Sie erst recht nicht. Lassen Sie mich in Ruhe weiterspielen!»
«Kommen Sie Herr Haller. Es ist höchste Zeit.»
Der Mann streckte die Hand nach ihm aus, berührte ihn an der Schulter. Haller sprang auf.
«Unterstehen Sie sich!», schrie er, während er sich hilfesuchend umsah. Der Saal war leer. Die Hochzeitsgäste waren verschwunden, die festliche Tafel bereits weggeräumt. Haller rang nach Atem, wich verängstigt und verwirrt zurück.
«Ist schon gut», sagte der Mann beschwichtigend und hob die Hände. «Spielen Sie weiter. Ein letztes Stück. Ich komme später zurück. Und das Abendessen halten wir Ihnen warm.»