Der Würde-Agent

Von Hannah Hermann

 

Der Würde-Agent
Ich stelle mein Fernrohr scharf, da sehe ich ihn. Mein Ziel ist erfasst, ich bin vorbereitet. Übersehen kann man ihn eh nicht. Sein beiger Anzug ist auf den ersten Blick unscheinbar. Das Grauen kommt erst darunter zum Vorschein, ein grünes Hawaiihemd mit orangenen Papageien darauf. Ich habe in diesem Job schon viel Ekliges erlebt, aber bei diesem Anblick bekomme ich einen Würgereiz.
Der Zug hält an, ich richte schnell meine Uniform und schicke meine Leute los, die den Mann von hinten diskret einkreisen; dies ist mein letzter Kunde vor der Mittagspause. Ich stelle mich unauffällig hinter ihn und tippe mit einem sanften Tap Tap auf seine linke Schulter. Leicht verärgert und mit gerunzelter Stirn dreht er sich um. «Was isn?» «Entschuldigung, mein Herr, aber Sie haben etwas verloren.» Verwirrt dreht er den Kopf von der einen Seite auf die andere, während er seine Taschen abtastet, um zu überprüfen, was denn jetzt genau fehlt. «Nein, nein – Ihre Würde, Sie haben Ihre Würde verloren. Als Sie vorhin dort sassen und sich sehr offensichtlich im Schritt kratzten, das war der erste Punkt. Ich habe drei solcher Punkte bemerkt. Diese würde ich Ihnen nun gerne aufzählen. Mögliche Nebenwirkungen sind das allbekannte Gefühl von Scham und etwas Röte im Gesicht. Schauen Sie hier, ist das nicht Klopapier? An Ihrer Schuhsohle?» Während der Mann wild fuchtelnd versucht, das imaginäre Klopapier abzuschütteln, hole ich meine Arbeitshandschellen aus der Tasche, und ehe sichs der Mann versieht, sind wir aneinander gekettet. «Es tut mir sehr leid», seufze ich, «aber ich mache diesen Job nun schon länger. Ich kenne die Leute, sie wollen uns nie zuhören und laufen weg. Deswegen.» Ich hebe den Arm und somit auch seinen. Währenddessen bilden meine Leute einen immer engeren Kreis um den Mann. «Hier», ich halte ihm ein Blatt und einen Stift unter die Nase, «müssten Sie einmal kurz unterschreiben, dass sie die AGBs akzeptieren.» Mit hochrotem Kopf fängt der Mann an zu fluchen. «Machen Sie sich keine Sorgen, die Informationen werden von uns vertraulich behandelt. Ausser wir befinden uns in einer Situation, die dies verhindert.» Ich deute auf die vielleicht zwanzig Leute um uns herum, die aufmerksam die Ohren spitzen. Der Mann weigert sich trotzig zu unterschreiben, doch da ihn meine Leute mit immer durchdringenderem Blick anstarren und den Kreis immer enger ziehen, setzt er endlich seinen Namen auf das Blatt. «Danke, dass Sie sich für die Würde-verloren-wir-helfen-Agentur entschieden haben. Also, machen wir weiter. Wollen Sie die nun folgenden Peinlichkeiten mit Hintergrundmusik vorgetragen bekommen oder normal? Für nur zwei Euro bekommen Sie auch das Spasspaket dazu. Ach, wissen Sie was – jeder will das Spasspaket und die Musik», sage ich, während ich ihm zwei Euro aus dem Geldbeutel ziehe. Aus meiner Tasche beginnt Blümchen Boomerang zu singen. Ich winke den Obdachlosen auf Rollschuhen aus der Ecke her, und er beginnt hektisch im Takt der Musik zu tanzen. «Danke Ralf, wie immer eine tolle Vorstellung», sage ich mit Blick zu dem Obdachlosen. «Gott, beeilen Sie sich, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.» «Gerne. Als Sie in der Nase bohrten, es dann anschauten und an der Sitzbank abschmierten, das war Nummer zwei, Herr Huber.» «Das haben Sie gesehen? Und woher kennen Sie überhaupt meinen Namen?» «Herr Huber, wir sehen alles. Bitte, machen Sie jetzt kein Drama.» «Ich könnte Sie anzeigen.» «Ja, und ich weiss, wo Sie wohnen. Die im Laptop gespeicherten Nacktfotos Ihrer Nachbarin sollten Sie übrigens besser schützen. – Gucken Sie nicht so verstört. Wir sind doch Freunde. – Na also. – Wollen wir nun zu Punkt drei übergehen? – Ich kann Sie nicht hören.» «Sehr gerne, bitte.» «Na, das gefällt mir doch gleich viel besser. Also, fahren wir im Spasszug weiter. Wir haben Ihr ganzes Leben durchgeackert, Stein um Stein umgedreht. Toll, nicht wahr?» «Und wieso gerade meines? -Das ist Diskriminierung!» «Diskrimini, diskrimina – Sie haben Hundescheisse unterm Schuh.» Unversehens hebt er den Schuh, um das zu überprüfen. «Dummerchen, ein altes Sprichwort unter Würde-Vertretern.» Die Eieruhr in meiner Tasche klingelt. «Ach, Herr Huber, leider ist unsere gemeinsame Zeit beinahe um.» Eine Träne unterdrückend, räuspere ich mich. «Nun zum letzten Punkt. Sie haben Ihre Würde vollends verloren, als Sie dem schreienden Kind sagten, es solle seine verdammte Schnauze halten. Kann ich verstehen, ehrlich, ich dachte, ich bekommen einen Tinnitus von dem Geheule. Aber so ein Satz – geht gar nicht, Herr Huber. – Tja, das wars auch schon. Ich muss jetzt echt los. Es gibt noch andere würdelose Menschen.» Zum Abschied öffne ich geschickt die Handschellen, winke und mache einen Satz in die eben eingefahrene S-Bahn.