Die Traumfängerin

Von Caroline Buck


Die Luft war kalt und strich um ihre blossen Beine. Neben den müde funkelnden Sternen hing der Mond am Himmel. Unter ihren Füssen knirschten die Blätter, die sich verfärbt hatten und von den Ästen der Bäume gesegelt waren. Die Fenster der Häuser waren dunkel, die gesamte Lilienstrasse schlief; einzig das Licht der Laternen erhellte die Strasse.
In ihrem weissen Kleid tapste die Traumfängerin die Häuser entlang, bis sie vor einem roten Backsteinhaus stehen blieb. Der Briefkasten im Vorgarten stand schief da. Efeu kletterte an der Fassade hoch. Zwei edle Blumentöpfe standen vor den Stufen, die zur Haustür hinaufführten.
Die Traumfängerin schluckte. Stufenweise und mit schwerem Schritt erklomm sie die Treppe. Jedes Mal, wenn ihr Fuss eine Stufe berührte, dröhnte Ophelias Stimme in ihrem Kopf. Du. Hast. Eine. Aufgabe. Aus der Tasche ihres Kleides zog die Traumfängerin einen silbernen Schlüssel, den sie ins Schloss steckte. Sei nicht so sensibel. Sie drehte den Schlüssel und die Tür sprang geräuschlos auf.
Die Schuhpaare im Regal drängten sich dicht aneinander; die gerahmten Fotos an den Wänden zeigten eine glückliche Familie, die Eltern und das Kind strahlten in die Kamera.
Sie ging näher an die Bilder heran, fuhr mit den Fingern übers Glas. Feiner Staub blieb an ihren Fingerkuppen hängen. Der Daumen verharrte auf dem Lächeln der Frau.
Du kannst nicht so sein wie sie.
Sie spürte den altbekannten Stich im Herzen und ging die Treppe hoch. Die Tür rechts war von Aufklebern übersäht, die in der Mitte war ganz blank, und an der Tür links klebten einige Muscheln. Die Traumfängerin liess den Blick über jede der Türen gleiten. Welche Tür sie nehmen musste, wusste sie bereits. Sie grub die Zähne in die Unterlippe.
Sachte stiess sie die linke Tür auf. Am Schreibtisch schlief ein Junge zwischen Stapeln von Büchern. Den Kopf hatte er auf die Arme gebettet. Brombeerschwarze Locken standen in alle Richtungen vom Kopf ab. Darüber schwebte in einer luftigen Wolke der Traum.
Die Traumfängerin fixierte die Traumwolke und atmete tief ein. Aufgeregt balancierte sie auf ihren Zehenspitzen, dann nahm sie drei Schritte Anlauf und sprang kopfüber hinein. Sie ruderte mit den Armen, überschlug sich. Das Einzige, was sie im Fallen sehen konnte, war ein makelloser Himmel. Und plötzlich platschte sie ins Wasser. Für einen kurzen Moment verlor sie die Orientierung, dann schwamm sie die wenigen Meter bis zu einem warm schimmernden Sandstrand. Sie liess sich in den Sand fallen und blickte sich um. – Merkwürdig. Nichts als Sand und Wasser. Immerhin scheint das keine Verfolgungsjagd mit Bankräubern zu werden. Und zum Glück gibt es hier – anders als im letzten Traum – keine riesigen Spinnen mit haarigen Beinen. Wieso hat man mich überhaupt hergeschickt? Ophelia hat natürlich einen Grund – einen guten. Und das macht mir Angst. Ich sehe sie vor mir: dunkles Haar, klare Augen, das Gewicht tausender Jahre auf ihren Schultern. Und sie verlangt, dass ich mich an ihre Worte halte.
«Oskar!»
Die Traumfängerin sah in die Richtung, aus der sie den Ruf vermutete. Der Junge mit dem Brombeerhaar rannte über den Strand. Er trug ein blauweiss gesteiftes T-Shirt und verwaschene Jeans. Eine Frau eilte hinter ihm her – es war die Frau vom Foto. Ihr dunkles Haar kräuselte sich über ihre Schultern und die salzige Meeresbrise spielte mit den Ärmeln ihres Sommerkleides. Sie lächelte.
Die Traumfängerin stand auf und lief den beiden entgegen. Oskar blieb stehen und fuhr sich durch das zerzauste Haar. Seine Mutter warf verspielt eine Handvoll Sand nach ihm.
«Mama!»
Er schüttelte sich, versuchte verärgert auszusehen, doch dann lachte er laut heraus und seine Mutter stimmte mit ein. Die Traumfängerin hatte noch nie so glückliche Menschen gesehen.
Mutter und Sohn gingen zum Wasser, dabei gingen sie auf die Traumfängerin zu und durch sie hindurch. Die Traumfängerin sah an sich hinab, zögerte, wandte sich dann wieder den beiden zu, die sich in den Sand gesetzt hatten. Oskar legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Seine Locken wippten auf und ab.
«Ich will für immer hierbleiben, Mama.»
Oskars Mutter seufzte und legte einen Arm um ihren Sohn.
«Ach, Oskar.»
«Wenn ich gross bin, ziehe ich hierher.»
«Lädst du mich dann ein – in dein Haus am Meer?» Neckisch sah ihn seine Mutter an. Er verdrehte die Augen.
«Mal sehen.»
«So, so!» Seine Mutter schmunzelte und schaute aufs Wasser hinaus.
Die Traumfängerin fragte sich, wie es wohl war, eine Mutter zu haben, in einer Familie zu leben. Nicht durch die Nacht streifen, um die Menschen von ihren Träumen zu befreien, sondern ein richtiges Zuhause haben. Wie gern hätte sie mit den beiden gesprochen, doch das war nicht möglich.
Bis der Himmel rosige Töne annahm, sassen Oskar und seine Mutter nebeneinander. Grosse Worte hatten zwischen ihnen keinen Platz – die brauchte es auch gar nicht.
«Ich hole uns etwas zu essen, Oskar.»
Er nickte und sah seiner Mutter hinterher. Sie ging barfuss durch den Sand, blickte lachend über die Schulter und warf ihm eine Kusshand zu. Dann flimmerte ihre Gestalt, verblasste und löste sich wirbelnd in Dunst auf. Der Junge hatte die Augenbrauen zusammengezogen und fixierte den Punkt, an dem seine Mutter verschwunden war. Die Traumfängerin wollte sich neben Oskar setzen und seine Hand drücken.
«Mama? – Mama!»
Oskar rappelte sich stolpernd auf und rannte. Seine Füsse flogen über den Sand. Immer und immer wieder schrie er. Die Traumfängerin lief ihm nach, doch ihre Schritte wurden langsamer und sie blieb stehen. Sie würde nichts für ihn tun können. Zudem spürte sie, dass der Traum bald ein Ende finden würde. Ihr Blick blieb an Oskar hängen, der weinend im Sand zusammengesunken war.
«Ophelia», zischte sie. Sie schaute zum Himmel, wo sich dunkle Wolken türmten.
Entschlossen sprang sie in die Luft, hüpfte aus dem Traum und landete im selben Moment wieder in Oskars Zimmer. Behutsam griff sie nach der Traumwolke, die noch immer über seinem Kopf schwebte. In ihren Händen verfestigte sie sich zu einer seeblauen Perle. Kühl und glatt lag sie in ihrer Hand. Die Traumfängerin stellte sich vor, wie sie vor Ophelia treten und ihr die Perle überreichen würde. Ruhiger Blick. Weises Lächeln. Ein Nicken.
Die Traumfängerin schaute auf Oskar hinab. Bald würde er aufwachen, sie musste gehen. Ihre Züge verhärteten sich. – Nein, sie wollte gehen. Weg von hier. Weg von den Träumen. Irgendwohin, wo das Leben auszuhalten war.
Als sie aus dem Haus trat, schlug ihr die milde Herbstluft entgegen. In der Mitte der Lilienstrasse blieb sie stehen und atmete tief ein.
«Es tut mir leid, Ophelia», sagte sie und liess die Perle fallen.