Elterngespräch

Von Olivia Studer

 

Die Wohnung ist dunkel, als er die Tür aufschliesst. Im Flur stolpert er über das hölzerne Polizeiauto. Ohne sich zu bücken, wischt er es zur Seite, geht auf direktem Weg ins Bad. Er streift die Arbeitskleider ab und stellt sich unter die Dusche. Als er den warmen Wasserstrahl auf dem Rücken spürt, schliesst er die Augen, der Spiegel über dem Waschbecken beschlägt.
Im Schlafzimmer sammelt er die Kleidungsstücke ein, die über den Boden verstreut sind, eine Bluse, ein Rock, zwei Strumpfhosen. Er legt sie auf ihr Bett, dann zieht er sich an.
In der Küche ein Krankenwagen, eine Feuerwehrleiter, Schläuche eines Löschfahrzeugs. Im Spülbecken stapelt sich das Geschirr vom Frühstück und vom Mittagessen. Er dreht den Hahn auf, gibt Spülmittel dazu, lässt das Wasser rauschen. Sein Blick fällt auf die Wanduhr, den Familienkalender, der danebenhängt. Das heutige Datum ist rot markiert. Elterngespräch, Druckbuchstaben.
Mit einem Quietschen öffnet sich die Tür, Stimmen hallen durch
den Flur. Er zuckt zusammen, setzt sich an den Esstisch. Ein kleiner Kopf erscheint im Türrahmen.
«Papa!» Mit ausgestreckten Armen läuft Dario auf ihn zu. Der Vater lächelt, hebt Dario auf seinen Schoss.
«Na, Herr Polizist – wie war es heute in der Schule?»

Ohne zu antworten, springt Dario auf den Boden, zieht das Schreibheft aus seinem Rucksack und hält es mit einem Grinsen vor das Gesicht seines Vaters. «Wow, 10 von 10 Punkten», sagt er, «ich glaube, du wirst wirklich mal Polizist.» Er streckt die Hand aus, damit Dario bei ihm einschlagen kann.
«Und was ist mit den Hausaufgaben?»
«Die hat er natürlich bereits gelöst.» Die Stimme der Mutter zerschneidet die Luft. Mit verschränkten Armen steht sie im Türrahmen und sieht ihn an.
«Gut», sagt er, «natürlich. – Und hat er schon etwas gegessen?»
«Natürlich.»
«Mama», sagt Dario, der zwischen den beiden steht. «Kann Papa mir noch eine Geschichte vorlesen?»
«Natürlich», sagt der Vater.
«Dein Vater hat jetzt keine Zeit», sagt sie und schüttelt den Kopf.
«Wir müssen gleich los.»
Dario schaut den Vater an, die Mutter. Dann blickt er zu Boden.

Eingekuschelt, das Buch an seine Brust gedrückt, liegt Dario im Bett.
«Nach dem Kindergarten war ich mit Linus und seiner Mutter im Wald. Und du glaubst nicht, was wir gesehen haben. Ein richtiges Reh. Es hat uns angeschaut mit seinen grossen Augen. Dann war es weg. Und danach haben wir noch unsere Hausaufgaben gemacht.»
«Toll, so wirst du ein richtig kluger Polizist.»
«Papa», sagt Dario. Seine kleinen Augenbrauen ziehen sich zusammen. «Papa, wieso heiratet man?»
Stirnrunzelnd sieht er Dario an.
«Warum haben du und Mama geheiratet?»
«Na, aus Liebe. Aus Liebe heiratet man», sagt der Vater. «Aber hey, jetzt muss ich wirklich – »
«Und wie ist es, wenn man verliebt ist?»
«Na – das ist – das ist, wie wenn du als Polizist einen Dieb schnappst. So schön. Oder sogar noch schöner.»
«Bist du noch verliebt in Mama? – Muss man streiten, wenn man verliebt ist?»
«Also, weisst du –»
«Kommst du endlich?», ruft die Mutter aus dem Bad. «Du weisst, ich hasse es, zu spät zu sein.»
Der Vater streicht Dario übers Haar.
«Schlaf jetzt, mein Kleiner. Oma ist schon da.»
Die kleinen Augen schauen ihn an, durch ihn hindurch, dann fallen ihm die Lider zu.

Im Flur begrüsst er seine Mutter, zieht sie in eine Umarmung.
«Um zehn, denke ich, sind wir wieder hier», sagt er und verlässt die Wohnung.
Seine Frau wartet bereits im Auto. Ihr Blick geht zur Digitaluhr auf dem Armaturenbrett. Sie seufzt und startet den Motor. Wortlos steigt er ein, macht das Radio an. Bryan Adams schmettert ein paar Takte von Summer of 69, dann drückt sie den Off-Knopf.
«Immer dasselbe», sagt sie. «Immer dieser Stress. Ich hasse es.»
«Wann geht es los?»
«Vergiss es.»
Sie schüttelt den Kopf und drückt aufs Gas.
«Weisst du eigentlich noch», sagt er nach einer Weile. «Ich meine – wie es ist, verliebt zu sein?»
«Sehr witzig.»
«Dario meint das ernst.»
«Deshalb sitzen wir ja auch hier.»
Er drückt wieder den Knopf des Radios – I guess nothin‘ can last forever, forever, no – und sucht einen neuen Sender. Sie trommelt mit den Fingern aufs Lenkrad. Sein Blick fällt auf den schmalen Streifen blasser Haut an ihrem Finger.
«Du hast es also getan», sagt er.
«Wenigstens das. Ja.»
«Hast du gewusst? – Dario will Polizist werden.»