Mea culpa

Von Priska Steinebrunner


«Wie geht es dir?»
Frau Doktor Winters Stimme war sanft, sie sass entspannt in ihrem Stuhl, doch ich sah, wie ihre Augen mich eindringlich über den Rand ihrer Brille beobachteten. Sie schien jede Bewegung, meine gesamte Erscheinung zu analysieren, und ich fragte mich, was sie in mir sah.
«Ich vermisse es, mein Essen selbst schneiden zu können.»
«Milia, du weisst, warum wir dir kein Messer in die Hand geben können. Es ist nur zu deinem Besten.»
Ich sah mich im Zimmer um. Auch hier: Der einzige halbwegs spitze Gegenstand war Frau Winters Kugelschreiber, und den hielt sie fest in der Hand. Oben in der Ecke hing eine schwarze Kamera. Das Gespräch wurde überwacht, zu meiner Sicherheit, angeblich, oder zu der von Frau Winter, ich wusste es nicht so genau.
«Bist du wütend?»
Frau Winters Miene verriet nicht, dass sie die Antwort längst kannte. Es war immer das gleiche Spiel.
«Auf wen sollte ich wütend sein?»
Sie rückte ihre Brille zurecht und notierte etwas auf ihrem Klemmbrett, Kürzel und Wörter, die ich nicht verstand. Mir fiel auf, dass ihre blonden Haare am Ansatz bereits wieder dunkler geworden waren und eine Strähne sich aus ihrem Dutt löste.
«Auf Aaron Müller?»
Der Name war jedes Mal ein Faustschlag ins Gesicht. Grüne Augen, sein Lachen, seine Stimme, die Art, wie er meinen Namen sagt. Und dann das Blut, der Schmerz in seinen Augen, das Messer, das zu Boden fällt.
«Nein, nicht auf…»
Ich brachte seinen Namen nicht über die Lippen. Frau Winter notierte etwas, dann lächelte sie sanft.
«Es ist okay, wenn du wütend auf ihn bist. Das ist ganz normal, Milia. Viele sind nach einem Suizid –»
«Ich glaube nicht, dass man mich als normal bezeichnen kann.
Und sprechen Sie bitte nicht andauernd von Suizid.»
Ich starrte auf meine Hände, meine blutbefleckten Hände. Seit Tagen – oder waren es schon Wochen? – klebte es da, und meine Hände waren wund vom vielen Schrubben, doch es war mir einfach nicht gelungen, alles abzuwaschen.
«Warum soll ich nicht von Suizid sprechen?»
Ich starrte sie an, spürte, wie sich meine Fingernägel in den Arm gruben.
«Versteh doch, ich möchte dir nur helfen. Aber das kann ich nicht, wenn du mir nicht erzählst, was dich beschäftigt. Du willst doch nicht dein ganzes Leben in dieser Einrichtung verbringen.»
«Vielleicht ja doch. Ich sage es noch mal: Ich will keine Hilfe.» Meine Stimme klang gepresst, jedes Wort war eine ungeheure Anstrengung. Ich spürte, wie ich anfing zu zittern, meine Gedanken gerieten ausser Kontrolle. Grüne Augen, weit aufgerissen, ungläubig, schmerzerfüllt. Ich spürte wieder den Griff des Messers in der Hand, meine andere Hand lag in seinem Nacken. – Der Widerstand seiner Haut, doch am Hals ist die Haut so dünn, so zart, das Blut fliesst direkt darunter, ein wenig Druck, und es spritzt und sprudelt wie aus einer Quelle. Der Kehlkopf bietet etwas mehr Widerstand, aber nicht genug. Er hustet und röchelt, erstickt an seinem eigenen Blut. Ein Schrei hallt in meinem Kopf wider, ein irres Lachen, einer Mörderin würdig. Das Scheppern des Messers, als es zu Boden fällt. Ich fange den sterbenden Körper auf, als er umkippt, halte Aaron im Arm, streiche ihm über das Haar, sehe ihm in die Augen, während sie trüb wer- den. Er ist wunderschön, er war schon immer wunderschön, und in diesem Moment ist er für mich das Wichtigste auf der Welt. Er macht mich zu dem, was ich bin. Eine Mörderin.
«Milia!» Frau Winters Stimme holte mich aus meiner Erinnerung.
«Du bist keine Mörderin.» Ich schüttelte den Kopf.
«Das sagen sie alle. Sie haben keine Ahnung!»
Erst jetzt merkte ich, dass ich angefangen hatte zu weinen. Wie erbärmlich. Weinen brachte Erlösung, doch für mich sollte und durfte es keine Erlösung geben.
«Ich habe Aaron Müller umgebracht.»
Wieder blitzen die Erinnerungen durch meinen Kopf. Das Blut, über- all ist Blut, es klebt an meinen Händen. Dann sein Gesicht, die Augen, seine schmerzerfüllten Augen.
«Milia!» Frau Winters Stimme war nun nicht mehr sanft, sondern ernst und eindringlich. «Du hast Aaron nicht getötet. Ihr habt zusammen mit einigen Freunden einen Wochenendausflug in eine Waldhütte gemacht. Aaron hatte schon Wochen zuvor mit dem Gedanken gespielt, sich umzubringen, man hat seine Tagebücher gefunden. Er hat sich selbst die Kehle durchgeschnitten…»
«Jajaja, und ich habe genau in diesem Moment den Raum betreten. Meine Freunde waren nebenan. Sie haben mich schreien gehört, sind zu uns gerannt und so weiter. Und deshalb stehen drei Aussagen gegen meine, drei Aussagen, die behaupten, ich könne gar nichts getan haben. – Sie wissen schon, dass Sie mir immer die gleiche Geschichte erzählen?»
Zugegeben, es war eine schöne Geschichte, die Frau Winter er- zählte. Ich hätte sie gern für die Wahrheit gehalten. Doch ich kannte bereits die Wahrheit, ich erinnerte mich an das Messer, seine Augen, ich sah doch das Blut an meinen Händen.
«Milia, da ist kein Blut an deinen Händen.»
Erst jetzt realisierte ich, dass ich diesen Gedanken wohl laut ausgesprochen hatte.
«Ich weiss, du willst es mir nicht glauben, aber es ist wichtig, dass du verstehst, dass du es nicht warst. Dass das alles nie passiert ist.»
«Sie lügen! Alle lügen mich an. Wollen mir erzählen, was die Wahrheit ist. Aber ich kenne die Wahrheit! Ich habe das verdammte Messer in die Hand genommen, und dann habe ich ihm die Kehle durchgeschnitten! Das ist sein Blut an meinen Händen! Warum könnt ihr mir nicht einfach meine Strafe geben?!»
Frau Winter packte mich an den Schultern.
«Milia, man hat die Fingerabdrücke auf dem Messer untersucht. Die von Aaron waren ganz deutlich zu erkennen, deine dagegen fand man nicht. Du hast dieses Messer nie in der Hand gehabt!»
Ich hörte ihre Worte, doch ich verstand sie nicht. Und sie redete weiter, immer weiter, sie redete auf mich ein, während sie mich fest- hielt. Alles in mir verkrampfte sich.
«Seien Sie still!»
Ich stiess sie weg, heftiger als beabsichtigt.
«Verstehen Sie nicht? Ich habe ihn geliebt. Er war mein Opfer. Und ich bin eine Mörderin, verdammt nochmal! Warum versuchen Sie mir zu helfen?»
Ich sprang auf, so hastig, dass mein Stuhl umkippte.
«Alle wollen mir helfen, überfluten mich mit Mitleid, alles ist so verdammt gut gemeint. Sieht denn keiner meine Schuld? Ich sollte leiden, ich sollte Schmerz spüren, ich sollte in der Hölle brennen für das, was ich getan habe!»
Ich schlug mit der Hand gegen die Wand, dann mit dem Kopf, immer wieder. Ich genoss den Schmerz. Funken tanzten vor meinen Augen, meine Gedanken, alles verschwamm in meinem Kopf zu einem einzigen Wirbel aus Farben, Menschen stürmten in den Raum, Hände hielten mich fest, ein kurzer Stich, dann wurde alles schwarz.