Rêverie

Von Maria Gagulic


Die Wolken liegen tief über Montmartre, verziehen sich zu langen Nebelschwaden. Der Regen flüstert in einer eigenen, einschläfernden Weise und die Tropfen sammeln sich auf dem Regendach.
Tische werden zurechtgerückt, Stühle kratzen auf dem Pflaster, werden nach innen geräumt.
Lavende hört gerne die Geräusche des benachbarten Cafés. Das Klirren der Gläser in warmen Sommernächten, das Ächzen, wenn das Regendach hervorgeholt wird. All die Geräusche geben ihm Auskunft über die Tageszeit und die Wetterlage in der Quartierstrasse.
Er bringt die letzten Blumen hinein, gibt den Ladenhütern Wasser und stellt sie in die Regale. Die Veilchen neben die Margeriten, die Narzissen zu den Orchideen. Je nachdem, welches Fenster offen steht, riecht es stärker nach Rosen oder Lilien. Die Blätter der Blumen verschwimmen mit dem Muster der Tapete. Das Altgold ist an einigen Stellen abgeblättert. Lavende ordnet die Blumen nach ihren Botschaften, stellt Geschichten zusammen, in jeder Ecke seines Ladens; Ge-schichten, die nicht erzählt werden.
Er setzt sich hinter die Ladentheke und trinkt Tee, blättert wahllos durch Bücher, die er aus den raumhohen Regalen zieht. Er seufzt oder skizziert oder beides zusammen.
Wenig später mischt sich das Trommeln des Regens mit dem Gemurmel der Cafébesucher nebenan. Ab und zu steht er auf und setzt sich an das erkältete Klavier. Es ächzt und hustet. Der Herbst hat es erobert. Der Herbst hat seinen ganzen Laden erobert. Die Heizung schwitzt, der Wind wispert in den Fugen, verirrte Blätter schlagen gegen die Scheiben. Lavende spielt sich durch das Jahr. Er spielt sich Schnee im Frühling, April, wenn es September ist. Die Musik sammelt sich in den Nischen und Ecken des Ladens. Und sie klingt auch dann, wenn er gar nicht spielt.
Draussen suchen sie Schutz unter dem Regendach, bleiben stehen, gehen weiter.
Eine alte Frau mit Federboa tritt ein. Die Schminke liegt schwer auf ihren Liedern, den Wangen und dem Dekolleté. Während sie durch den Laden stolziert, skizziert er sie unter der Theke. Jeder ihrer dicken Finger trägt einen noch dickeren Ring. Die faltige Haut wallt in Wellen. Sie verlässt den Laden ohne Abschiedsgruss.
Der nächste Kunde ist ein Mann mit grauen Augen, die tief in den Höhlen liegen. Sie wandern nervös hin und her, von Vase zu Vase. Die Augenbrauen sind nach oben gekräuselt; sie erwecken den Eindruck von ständiger Bitterkeit.
Am Nachmittag wird der Regen stärker.
Die Stadt jenseits des Schaufensters entfernt sich und wird stumm.
Lavende klappt den Klavierdeckel hoch und streicht über das abgegriffene Elfenbein. Er spaziert durch Bachetüden, bis er sich in Mendelssohns Lieder ohne Worte verliert.
Ein aufdringliches Quietschen mischt sich in das Husten des Klaviers. Lavende runzelt die Stirn. Er unterbricht sich und lehnt sich nach hinten. Eine junge Frau rennt unter das Regendach, schiebt ein rostiges Fahrrad neben sich her.
Sie lehnt sich an das Fenster, zuckt zusammen, als sie die Kälte spürt. Sie dreht sich um, wischt über das beschlagene Schaufenster und späht gedankenlos ins Ladeninnere. Mit der einen Hand zeichnet sie Kreise auf die Scheibe, mit der anderen folgt sie den Mustern, die das Wasser auf das Fenster malt.
Das Licht aus dem Laden beleuchtet ihr Gesicht.
Er glaubt dunkle Augen zu erkennen. Dunkle Augen und geschwungene Lippen. Sie bewegen sich. Die Stimme der jungen Frau scheint im Hauch vor dem Mund sichtbar zu werden. – Die Stimme wäre hell. Hell und klar. Wie sein Klavier im Frühling und im Sommer.
Und würde sie den Laden betreten, mischte sich ihr Gruss mit dem Klingeln der Türglocke.
Lavende spürt den kühlen Luftzug, der sie begleiten würde. Der frische Atem des Regens ver-mischt sich mit der blumigen Wärme des Ladens. Aus dem Hinterzimmer riecht es nach Ölfarbe.
Sie hätte einen lebhaften Gang, hielte die Arme leicht angewinkelt. Schöne Hände. Kurze Nägel, nicht lackiert.
Sie sieht sich interessiert um, riecht an den Blumen. Dann fällt ihr Blick auf das Klavier.
«Ein Klavier in einem Blumenladen!»
«Ja. Es ist erkältet.»
«Erkältet?»
«Die Kälte macht ihm zu schaffen.»
Für einen Moment steht sie da, mit leicht geöffneten Lippen und einem hellen Glanz in den Augen.
Sie setzt sich ans Klavier und beginnt Melodien zu spielen, die sie den Vögeln abgehört hat.
«Manchmal spiele ich mir den Frühling!», lacht sie und dreht sich nach Art eines impulsiven Kindes auf dem Klavierstuhl herum.
Lavende würde sie zum Tee einladen, und während er sie skizzierte, würde er mit ihr über Musik reden. Ihre Unterhaltungen über Stravinsky und Bach, Suiten und Opern, würden sie die kalten Tage vergessen lassen.
Bei Liszt würde sie die Stirn runzeln, bei Chopin würden die Augen leuchten.
Im benachbarten Café zerbricht ein Teller. Lavende hebt den Kopf und schaut hinaus. Draussen steht noch immer die junge Frau, ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken. Ihr Blick wandert ein letztes Mal über die Auslage.
Dann steigt sie auf das Fahrrad und fährt davon.