Sternstunden

Von Hannah Hermann


«Hast du dir schonmal überlegt, was wäre, wenn Seen und Wolken die Plätze tauschen würden? Wenn wir an einem heissen Sommertag durch eine kühle Wolke schlenderten? Oder zum Himmel deuteten und sagten: Sieh mal die vielen Seen dort oben, wollen wir schwimmen gehen?» Jonas Augen leuchteten, als er Fiona von einer seiner tausend Ideen erzählte. «Stell dir vor, wie sich das anfühlen würde. So eine Wolke kitzelt sicher. Oder bei einem Gewitter – man könnte die Blitze als Energiequelle nutzen.»
«Und Farben hätten einen Geruch», sagte Fiona, «jede Farbe des Regenbogens eine andere.» Während sie seine Idee immer weiterspann, lachten sie.
Diese Stunden, wenn die zwei vor der Sternwarte sassen und redeten und die Welt neu erfanden, genossen sie sehr. Für Jonas waren es die Stunden, die ihn durch das Leben trugen. Denn Fiona war die Einzige, die ihn einigermassen verstand oder es zumindest versuchte. Die zwei kannten sich schon eine Ewigkeit, seit dem Kindergarten. Damals hatten sie sich mit einem Indianerschwur versprochen, für immer zusammen zu bleiben.
Während Jonas sich überlegte ob man an einem Regenbogen lecken könnte und welchen Geschmack wohl die Farbe lila hätte, ging Fionas Blick zum Handy. «Mist, schon so spät. Ich muss los, morgen ist der grosse Mathetest.»
«Sehen wir uns morgen wieder? Selber Ort, selbe Zeit?»
«Tut mir leid, diese Woche sieht es schlecht aus, ich muss echt noch viel lernen. Solltest du übrigens auch tun, schliesslich schreiben wir in ein paar Wochen unsere Matura. Und gute Noten kommen nicht von selbst.»
Fiona hatte ihre Sachen bereits zusammengesucht, winkte zum Abschied und verschwand in der Dunkelheit. Jonas seufzte. Schule, Studium, das alles war nichts für ihn. Allein beim Gedanken daran tat ihm der Kopf weh, denn genau das machten diese Dinge mit ihm. Der Unterrichtsstoff schränkte ihn ein, wollte ihn in seinem Denken geradebiegen. Wie sollten ihm Wahrscheinlichkeitsberechnungen eines Münzwurfs dabei helfen, aufmerksamer, aufrechter oder einfach besser und erfolgreicher durch die Welt zu gehen. Doch Jonas hatte gelernt, sich dem, wenn auch widerwillig, zu fügen. Dank seines guten Gedächtnisses konnte er Sachen schnell erfassen und abspeichern, weshalb er, trotz seiner Abneigung gegenüber dem Schulsystem, gute Noten schrieb und also nicht negativ auffiel. Fiona war da anders, für sie machte das alles Sinn. Die ganze Zeit in die Schule zu investieren, einen guten Abschluss zu machen und dann das Medizinstudium zu absolvieren mit Bravour. Jonas erkannte Fiona, seine Fiona, jeweils nicht mehr, sobald er sie in der Schule sah und sie wieder einmal ihre Nase tief in ein Schulbuch gesteckt hatte. War das wirklich die gleiche Person, die abends dort oben mit ihm diese verrückten Ideen teilte?
Fiona sass gestresst über ihrem Schreibtisch und versuchte verzweifelt das letzte Kapitel der Humanbiologie auch noch irgendwie in ihren Kopf zu quetschen. Fünf Stunden hatte sie heute schon gelernt und nach einem baldigen Ende sah es nicht aus. Ihr Blick war immer noch auf die Seiten des abgenutzten Biobuches gerichtet, doch in Gedanken war sie zu Jonas abgeschweift. Ein Gefühl der Schuld machte sich breit. Eigentlich wären sie heute verabredet gewesen, doch sie hatte die Gedankenreise bei der Sternwarte auf morgen verschoben. Auch wenn Jonas die Nachricht gut aufgenommen hatte, wusste sie, dass es ihn verletzt hatte. Noch nie hatten sie ein Treffen ausfallen lassen oder verschoben. Sie wusste, Jonas hatte Angst, dass sie ihn verlassen würde und er schlussendlich ganz allein wäre. Sie musste an ihren Indianerschwur zurückdenken. «Für immer zusammen und nie getrennt.» Das Versprechen wurde für Fiona immer schwerer zu halten. Der ganze Stress mit Lernen, genügend Zeit für die Sternwarte und Jonas zu finden – Fiona fühlte sich zerrissen.
Jonas war schon ganz aufgeregt. Er hatte an der Idee von letztem Mal weitergefeilt und wollte es Fiona unbedingt mitteilen.
«Hey, setz dich», sagte er. Ich habe dir deine Lieblingskekse mitgebracht. Ich dachte, das brauchst du als Hirnnahrung, wenn du schon so viel lernst. Und schliesslich muss dein Gehirn heute wieder gute Ideen liefern.»
Jonas lächelte Fiona an und streckte ihr die Keksdose entgegen, während sich ein wässriger Glanz über ihre Augen legte. Jonas war einer der aufmerksamsten und liebevollsten Menschen, die sie kannte, der immer alle anderen vor sich stellte. Und wieder einmal fühlte sie sich schlecht, da sie wusste, dass sie keine Zeit mehr für ihn haben würde.
«Solange du die Kekse probierst, kann ich dir ja erzählen, worüber ich mir so Gedanken gemacht habe», sagte Jonas. «Weisst du, was mir aufgefallen ist? Du kennst doch sicher Skittles, diesen Kaugummi; ihr Slogan heisst Taste the rainbow, das passt doch perfekt zu –»
«Was? Entschuldige, ich –»
«Taste the rainbow! – Ist doch witzig»
«Ja. Hatten wir doch letztes Mal. Regenbogenlecken.»
Fiona warf Kekskrümel auf den Boden, schob sie mit den Schuhen zu einem kleinen Haufen zusammen.
«Ist alles okay?», fragte Jonas. «Du wirkst irgendwie, ich weiss auch nicht, so traurig. Kann ich dir helfen?»
«Quatsch, alles prima. Ich habe einfach nicht so gut geschlafen, liegt wahrscheinlich am Vollmond oder so», sagte Fiona mit einem milden Lächeln.
«Okay, lassen wirs für heute. Sonst schläfst du morgen noch in der Schule ein. Was sollen dann die Lehrer von dir denken.» Jonas versuchte zu lachen und blickte zu Boden.
Zwei Wochen dauerte es, bis Fionas Zeitplan ein Treffen wieder zuliess. Jonas hatte das Warten kaum ausgehalten, hatte sich Sorgen gemacht. Etwas stimmte nicht mit Fiona. Er wurde das Gefühl auch jetzt nicht los, als er wieder bei der Sternwarte sass. Seit zwei Stunden wartete er nun schon. – Und dann tauchte sie unversehens aus der Dunkelheit auf.
«Hey, sorry für die Verspätung. Ich hatte noch so viel zu tun. Morgen ist der Französischvortrag und dann muss ich noch Madame Bovary fertiglesen. Ich komme gerade allem einfach nicht hinterher.»
«Ach so. Hi. – Macht doch nichts. Ich war auch ein bisschen zu spät dran, musste also nur ein paar Minuten warten. Setz dich.»
Jonas wartete auf eine Idee von Fiona. Aber sie sagte nichts. Steckte die Hände tiefer in die Jackentaschen.
«Egal, wenn du keine Idee hast. – Ich hab eine! Also ich habe mir vorgestellt, was wäre, wenn man die Zeit nicht mit Sekunden, Minuten und Stunden messen würde, sondern mit Farben. Dann würdest du zum Beispiel sagen: Ich habe zwei rot und fünf grün gebraucht, um «Madame Bovary» fertig zu lesen. Was denkst du? Das wäre doch witzig.»
«Ja, ja klingt ganz nett.»
Jonas zuckte. Er räusperte sich.
«Ähm, also das war natürlich nur so ein Hirngespinst von mir» sagte er, ohne sie anzuschauen. «Ich hätte noch ein paar andere Ideen, vielleicht gefallen dir die ja besser. Also, natürlich nur, wenn du magst.»
Fiona schwieg.
«Habe ich etwas Falsches gesagt? Ich meine, du weisst, dass du mit mir über alles reden kannst. – Also, ich habe irgendwie das Gefühl – du hast dich verändert.»
«Ich? – Das stimmt doch gar nicht. Ich bin immer noch die gleiche Fiona. Okay, vielleicht mit ein bisschen mehr Stress. Ich war halt nie so kreativ wie du, aber das wusstest du doch. – Vielleicht sollte ich jetzt lieber gehen, die Pflicht ruft.»
«Fiona, so war das doch gar nicht gemeint. Ich wollte doch nur –. Bleib doch noch.»
Fiona war bereits die Treppenstufen hinuntergeeilt. In der Dunkelheit verklangen ihre Schritte.
Fiona stürzte sich nun noch mehr in ihre Arbeit. In der Schule versuchte sie Jonas, soweit es ging, aus dem Weg zu gehen, seinen fragenden und verwirrten Blick konnte sie nicht ertragen.
Nach der Mathestunde war sie war gerade dabei, ihr Schliessfach zu öffnen, als hinter ihrem Rücken eine Stimme ertönte.
«Fiona wir müssen reden.»
Fiona fuhr zusammen und drehte sich um. Jonas hatte sich so gross gemacht wie möglich.
«Und dieses Mal kannst du nicht weglaufen. Ich möchte wissen, was mit dir los ist, und ich will, dass du es mir direkt ins Gesicht sagst.»
Fiona sah an ihm vorbei, wandte sich dann wieder dem Schliessfach zu.
«Ich weiss, dass ich dir eine Erklärung schulde. Ich habe einfach nicht gewusst, wie ich damit anfangen soll. Ich bin dir unglaublich dankbar für die Freundschaft, und du weisst, dass du mir wirklich wichtig bist. Ich weiss auch nicht, was in den letzten Wochen passiert ist. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich mich weiterentwickelt habe und –»
«Weiterentwickelt?»
«Ich weiss doch auch nicht. Ich mache mir einfach Gedanken über meine Zukunft. Und du bist in deiner Welt und willst da auch nicht raus. Wir sind einfach an verschiedenen Punkten in unserem Leben. Ich muss mich jetzt darauf konzentrieren, was für mich stimmt und mir hilft. Im Leben muss man –»
«Prioritäten setzen, verstehe schon,» sagte Jonas und ging in Richtung Mathezimmer davon.